FIfFKon42 - Keine Panik! Resilienz in der Polykrise

templateZV - Partizipatives Resilienzformat für zivile Verteidigung in Kommunen
2026-11-01, 10:45–11:30 (Europe/Berlin), Delphi Saal

Zivile Verteidigung ist eine gesamtstaatliche, aber kommunal umgesetzte Aufgabe – und hängt an der oft übersehenen digitalen Handlungsfähigkeit der Verwaltung, ohne die keines der vier Felder ziviler Verteidigung funktioniert. Aktuelle Zahlen zu Schwachstellen, Cybercrime und Ransomware-Angriffen belegen die Dringlichkeit, ohne dass daraus bislang systematisch Konsequenzen abgeleitet werden. Der Vortrag schlägt dafür ein partizipatives, dreiphasiges Dialogformat vor (Lagefeststellung, Risikobewertung, prototypische Umsetzung), das auf den Prinzipien Resilienz, Vigilanz und Bottom-up-Innovation beruht und Wissenschaft, Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft systematisch zusammenbringt. Die zugrunde liegende Haltung: Resilienz ist keine Ausnahmeaufgabe, sondern gelebte Daseinsvorsorge, die nur durch geübte Praxis, Evidenzbasierung, Subsidiarität und strukturelle Lernfähigkeit trägt – Vorbereitung statt Improvisation als Maßstab staatlicher Handlungsfähigkeit. Daraus resultieren Forderungen an Verwaltung, Gesetzgebung sowie Wissenschaft und Praxis, solche Formate zu verstetigen und in verbindliche Standards zu überführen.


Zivile Verteidigung ist keine Aufgabe der Streitkräfte, sondern eine gesamtstaatliche Aufgabe, die operativ auf kommunaler Ebene entschieden wird – an einer meist unsichtbaren Voraussetzung: der digitalen Handlungsfähigkeit der Verwaltung. Die vier Felder ziviler Verteidigung – Sicherung der Staats- und Regierungsfunktionen, Zivilschutzplanung, Versorgung der Bevölkerung, Unterstützung der Streitkräfte – sind ohne funktionierende, sichere IT-Systeme nicht erfüllbar. Diese Abhängigkeit durchdringt alle vier Felder, wird aber selten explizit benannt.

Aktuelle Lagedaten zeigen die Dringlichkeit: täglich 119 neue Software-Schwachstellen (+24 % ggü. Vorjahr), über 330.000 erfasste Cybercrime-Delikte und mehr als 1.000 angezeigte Ransomware-Angriffe pro Jahr, durchschnittlich zwei betroffene Kommunen pro Monat, knapp die Hälfte der KRITIS-Betreiber ohne funktionierendes System zur Angriffserkennung. Diese Zahlen sind gut belegt; ihre strategische Konsequenz für die zivile Verteidigung wird jedoch selten systematisch hergeleitet und noch seltener in tragfähige Strukturen übersetzt.

Der Vortrag verbindet zwei Ebenen, die meist getrennt behandelt werden: den sicherheitspolitischen Rahmen ziviler Verteidigung und die Methodik, mit der sich kommunale Resilienz tatsächlich aufbauen lässt – nicht als einmaliges Projekt, sondern als lernfähiger, dauerhaft verankerter Prozess.

Im Zentrum steht ein partizipatives, dreiphasiges Dialogformat, das drei Prinzipien folgt: Resilienz (robuste, anpassungsfähige Strukturen, die Störungen absorbieren und aus ihnen lernen), Vigilanz (kontinuierliche, systematische Früherkennung statt reaktivem Abwarten) und Bottom-up-Innovation (Einbindung zivilgesellschaftlicher, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Akteure statt rein administrativer Top-down-Planung). Organisiert nach einem Prinzip aus Wissenschaft, Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft, durchläuft das Format drei Phasen: eine offene Lagefeststellung (Bestandsaufnahme entlang der Dimensionen Infrastruktur, Cyberresilienz, organisationale Resilienz, gesellschaftliche Einbindung und regionale Vernetzung, moderiert in selbstorganisierten Formaten ohne vorab festgelegte Agenda), eine Risikobewertung mit Szenarioplanung (Cyberangriff, langanhaltender Stromausfall, Extremwetter, hybride Bedrohungslagen, bearbeitet in fokussierten Arbeitsgruppen mit dokumentierten Ergebnissen) und eine prototypische Umsetzung (Übungen, technische Sprints, Kampagnen zur Selbsthilfefähigkeit), begleitet von einem kontinuierlichen Gremium, das Handlungsoptionen validiert und in Entscheidungsvorlagen überführt.

Der Vortrag vertritt dabei eine klare Haltung: Zivile Verteidigung ist Ausdruck demokratischer Daseinsvorsorge, keine Ausnahmeaufgabe für Krisenzeiten. Resilienz entsteht nicht durch Dokumente, sondern durch geübte, wiederholte Praxis. Sie ist nur dann belastbar, wenn sie evidenzbasiert, partizipativ und subsidiär gestaltet wird – mit Verantwortung dort, wo die Handlungsfähigkeit tatsächlich liegt, und mit struktureller Lernfähigkeit als Prinzip, nicht als Ausnahme. Vorbereitung, nicht Improvisation, ist der eigentliche Maßstab staatlicher wie kommunaler Handlungsfähigkeit.

Zuhörende nehmen mit: ein anwendbares Analyse- und Methodenraster (Lagefeststellung, Risikobewertung, Prototyping; offene, selbstorganisierte Workshop-, Arbeitsgruppen- und Gremienformate) zum Aufbau kommunaler Resilienz; empirisch fundierte Referenzen für die eigene Arbeit; sowie ein Verständnis dafür, wie sich Wissenschaft, Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft strukturiert und wiederholbar zusammenbringen lassen, unabhängig von einem Einzelfall oder einer bestimmten Institution.

Daraus lassen sich Forderungen ableiten: An die Verwaltungsebenen – Verstetigung solcher partizipativen Dialogformate als reguläres Instrument der Resilienzplanung statt Einzelprojekt. An die Gesetzgebung – Anschlussfähigkeit kommunaler Erkenntnisse an verbindliche Sicherheitsstandards. An Wissenschaft und Praxis gemeinsam – systematische Verzahnung von Bottom-up-Beteiligung und wissenschaftlicher Fundierung, damit aus Einzelinitiativen übertragbare Modelle werden.

Sabine Griebsch ist Krisenmanagerin (Cyber/IT) sowie Senior Advisor Government Resilience.