FIfFKon42 - Keine Panik! Resilienz in der Polykrise

Oliver Meurer

Oliver Meurer ist studentischer Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Community Data Centers“ der Forschungsgruppe „Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Teilhabe“ unter der Leitung von Dr. André Ullrich. Er studiert Internationale Entwicklung im Master an der Universität Wien und arbeitet dort zudem als Tutor für Transdisziplinäre Entwicklungsforschung.

Das Profilbild der Vortragenden

Vorträge

10-31
11:00
45min
Common Ground, Common Cloud – Community Data Center als Antwort auf Machtasymmetrien und Polykrise
Oliver Meurer, Tara Merk, André Ullrich

Rechenzentren (RZ) sind das physische Rückgrat vieler digitaler Anwendungen. Sie stehen an der Schnittstelle von Digitalisierung, Energieversorgung, Klimawandel, globalen Lieferketten und Sicherheitspolitik (Edwards et al., 2024). An Rechenzentren werden die Dynamiken der Polykrise besonders deutlich: Energieengpässe verteuern den energieintensiven Betrieb und erschweren gleichzeitig Klimaschutzmaßnahmen. Steigende Temperaturen und zunehmende Hitzeperioden erhöhen den Kühlbedarf von Servern und damit auch den Strom- und Wasserverbrauch. Zudem konkurrieren große RZ mit ihrem hohen Energie- und Wasserbedarf direkt mit den Bedürfnissen lokaler Akteur:innen und der Zivilgesellschaft. Störungen globaler Lieferketten und Handelseinschränkungen durch geopolitische Konflikte wirken sich auf die Verfügbarkeit von Hardware und Ersatzteilen sowie auf Cyberrisiken aus.
RZ sind Orte, an denen sich die Machtkonzentration einiger weniger Big-Tech-Unternehmen materialisiert (Brodie, 2023). Sie kontrollieren große Teile der digitalen Wertschöpfungskette, von Daten über Algorithmen und Plattformen bis hin zur Recheninfrastruktur. Technologien und damit verbundene konventionelle Infrastrukturansätze von Big-Tech-Unternehmen tragen zur Rationalisierung und Verfestigung bestehender Herrschaftsstrukturen bei (Weizenbaum, 1978). Dabei sind die gesellschaftlichen Kosten und Nutzen von RZ weitestgehend ungleich verteilt. Lokale Gemeinden und Bürger:innen tragen häufig die direkten Umweltfolgen (Rehak, 2024), während die finanziellen Gewinne bei den Unternehmen und steuerlich anderswo anfallen.
International formieren sich zunehmend Proteste gegen den Ausbau großer RZ. Allein in den USA beteiligen sich mittlerweile fast eine halbe Million Menschen an Protesten gegen RZ. Aber auch andernorts wie beispielsweise in Marseille, Dublin, Aragón und Ceará organisieren sich Bürger:innen (Dachwitz und Vorkul 2026). Auch in Deutschland nimmt der Widerstand gegen geplante Rechenzentren zu. Der Fall Maintal verdeutlicht exemplarisch, dass sich die Konflikte nicht auf die Infrastruktur beschränken, sondern Fragen der Energieversorgung, Umweltbelastung, kommunaler Mitbestimmung und demokratischer Legitimation betreffen (Ronge 2026).
Während viele Regierungen gerade erst den Regulierungsbedarf gegenüber RZ begreifen, haben sich über Jahre weltweit bereits diverse, gemeinschaftlich getragene RZ etabliert. Diese werden in diesem Beitrag unter dem Begriff Community Data Center (CDCe) zusammengefasst und als potenzielle Alternative zu den von Big-Tech-Unternehmen geprägten oligopolistischen Strukturen untersucht. Dennoch bleiben gemeinschaftlich getragene RZ bislang eine Nischenerscheinung und ihre Ausgestaltungsformen sind kaum systematisch erfasst. Daraus ergibt sich folgende Fragestellung für diesen Beitrag: Welche Gestaltungsmerkmale gemeinschaftlicher Rechenzentren lassen sich konzeptionell und empirisch identifizieren, und welche Potenziale und Grenzen weisen sie im Umgang mit den Dynamiken der Polykrise auf?
Zur Beantwortung dieser Frage erfolgt die Analyse in zwei Schritten. Erstens wird ein Möglichkeitsraum der Gestaltungsmerkmale für CDCe konstruiert, der die Bandbreite möglicher Ausprägungen systematisch beschreibt. Dieser Möglichkeitsraum leitet sich aus der Analyse realer Fallbeispiele (wie WOBCOM, dem feministischen Serverkollektiv actinomy in Bremen, Dataport in Norddeutschland und der Genossenschaft GAD eG) sowie aus 34 idealtypischen CDCe-Modellen ab, die im Rahmen partizipativer Workshops mit 130 Menschen erarbeitet wurden. Zweitens evaluieren wir kritisch, ob und inwiefern CDCe den Auswirkungen und krisenverstärkenden Dynamiken der Polykrise in lokalen Gemeinschaften entgegenwirken können.
Ziel des Beitrags ist die Entwicklung eines konzeptionellen Möglichkeitsraums gemeinschaftlicher Rechenzentren. Die resultierende Taxonomie schafft einen analytischen Rahmen, um unterschiedliche CDCe-Modelle hinsichtlich ihrer Potenziale und Grenzen im Umgang mit den Dynamiken der Polykrise systematisch zu vergleichen. Dadurch werden unterschiedliche Governance-, Eigentums- und Infrastrukturmodelle gemeinschaftlicher Rechenzentren sowie ihre jeweiligen Resilienzpotenziale systematisch vergleichbar gemacht. Zugleich macht sie sichtbar, unter welchen Bedingungen CDCe einen Beitrag zum Abbau bestehender Machtasymmetrien in der digitalen Infrastruktur leisten können.

Literaturverzeichnis

Brodie, P. (2023). Data infrastructure studies on an unequal planet. Big Data & Society, 10(1), 20539517231182402. https://doi.org/10.1177/20539517231182402

Edwards, D., Cooper, Z. G. T., & Hogan, M. (2025). The making of critical data center studies. Convergence: The International Journal of Research into New Media Technologies, 31(2), 429–446. https://doi.org/10.1177/13548565231224157

Rehak, R. (2024, September 30). On the (im)possibility of sustainable artificial intelligence. Internet Policy Review. https://policyreview.info/articles/news/impossibility-sustainable-artificial-intelligence/1804

Ronge, M. (2026, May 11). Planänderung bei Rechenzentrum in Maintal. hessenschau.de. https://www.hessenschau.de/wirtschaft/rechenzentrum-in-maintal-proteste-bringen-projekt-ins-stocken-v2,maintal-rechenzentrum-gestoppt-100.html

Vorkul, L., & Dachwitz, I. (2026). Rechenzentren sind Vampire: Wo sich lokaler Widerstand gegen den KI-Hype formiert. netzpolitik.org. https://netzpolitik.org/2026/rechenzentren-sind-vampire-wo-sich-lokaler-widerstand-gegen-den-ki-hype-formiert/

Weizenbaum, J. (2023). Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft (16. Aufl., U. Rennert, Übers.). Suhrkamp. (Originalwerk erschienen 1976)

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