2026-10-31, 10:20–10:40 (Europe/Berlin), Delphi Saal
Der Beitrag untersucht die Bezahlkarte für Asylsuchende als digitale Zahlungsinfrastruktur und analysiert die Zusammenarbeit staatlicher Behörden mit globalen Zahlungsunternehmen. Er zeigt, wie finanzielle Infrastrukturen zu Instrumenten migrationspolitischer Kontrolle werden und erweitert Debatten über Digitalisierung und Autokratisierung um die politische Rolle globaler Zahlungsunternehmen.
Debatten über digitale Macht und autoritäre Entwicklungen konzentrieren sich häufig auf Big-Tech-Unternehmen. Deutlich weniger Aufmerksamkeit erhält die Rolle globaler Zahlungsunternehmen, obwohl sie zunehmend digitale Infrastrukturen bereitstellen, über die staatliche (autoritäre) Politik umgesetzt wird. Ein Beispiel hierfür ist die 2024 eingeführte Bezahlkarte für Asylsuchende in Deutschland. Sozialleistungen werden dabei nicht mehr auf reguläre Bankkonten, sondern auf eine Prepaid-Debitkarte überwiesen. Der Großteil dieser Karten wird von Secupay verwaltet und über Visa ausgegeben; weitere Bundesländer nutzen Mastercard oder andere private Anbieter. Mit der Bezahlkarte entstand damit eine exklusive digitale Zahlungsinfrastruktur für eine klar definierte Bevölkerungsgruppe, die gleichzeitig einen neuen Markt für private Zahlungsunternehmen eröffnet.
Der Beitrag untersucht die neuen politökonomischen Arrangements, die aus der Zusammenarbeit staatlicher Behörden und privater Zahlungsunternehmen entstehen. Er fragt, welche Folgen die Auslagerung migrationspolitischer Maßnahmen an private Zahlungsunternehmen für die Gestaltung digitaler Zahlungsinfrastrukturen hat und wie sich staatliche Kontrolle dadurch verändert. Theoretisch knüpft der Beitrag an Arbeiten zur politischen Ökonomie von Zahlungsinfrastrukturen, zu Financial und Predatory Inclusion sowie zum Immigration Industrial Complex an. Ich argumentiere, dass globale Zahlungsunternehmen eine bislang wenig beachtete Erweiterung dieses Komplexes darstellen. Migration wird dadurch nicht nur zum Gegenstand staatlicher Kontrolle, sondern zugleich zu einem neuen Markt für Unternehmen, die digitale Kontroll- und Zahlungsinfrastrukturen entwickeln und betreiben.
Empirisch basiert der Beitrag auf Interviews mit Nutzerinnen der Bezahlkarte, Sozialarbeiterinnen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, mehr als 200 internen Dokumenten deutscher Ministerien und Verwaltungsbehörden sowie Vorträgen, Webinaren und Präsentationen der beteiligten Unternehmen.
Die Analyse zeigt, dass die Bezahlkarte weit über die Funktion eines Zahlungsmittels hinausgeht. Die technische Ausgestaltung der Karte übersetzt migrationspolitische Zielsetzungen in konkrete Einschränkungen alltäglicher finanzieller Praktiken. Einschränkungen von Bargeld und Überweisungen, regionale Nutzungsbeschränkungen sowie Whitelists ermöglichen neue Formen der Kontrolle, Überwachung und Rationierung alltäglicher finanzieller Handlungen. Finanzielle Exklusion ist dabei kein Nebeneffekt, sondern ein zentrales Gestaltungsprinzip der Infrastruktur.
Ich argumentiere, dass die Bezahlkarte als Containment Infrastructure verstanden werden kann: als digitale Infrastruktur, deren Funktion darin besteht, Mobilität, finanzielle Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe gezielt zu begrenzen. Der Fall zeigt, wie digitale Zahlungsinfrastrukturen genutzt werden, um migrationspolitische Kontrolle technisch zu organisieren und finanzielle Handlungsmöglichkeiten unterschiedlich zu verteilen. Er erweitert damit Debatten über Digitalisierung und Autokratisierung um die bislang wenig beachtete Rolle globaler Zahlungsunternehmen und macht sichtbar, wie sich der Immigration Industrial Complex gegenwärtig um digitale Zahlungsinfrastrukturen erweitert.
Alexandra Keiner ist Soziologin am Weizenbaum-Institut in Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Wirtschaftssoziologie, digitale Finanz- und Zahlungsinfrastrukturen sowie Migration. In ihrer Dissertation untersucht sie die politische Ökonomie digitaler Zahlungssysteme und beschäftigt sich unter anderem mit der Bezahlkarte für Asylsuchende in Deutschland sowie der Digitalisierung von Auslandsüberweisungen.