2026-10-30, 18:20–19:00 (Europe/Berlin), Delphi Saal
Dieser Vortrag versteht sich als Einladung und Ermutigung, sich zu engagieren und je nach fachlichem Blickwinkel Beiträge zu leisten, die in der Gesamtheit zu einer stimmigen Vision für die Zukunft führen und sich als Grundlage für weitere Aktionen eignen.
Die Lage ist widersprüchlich: Immer mehr Einzelpersonen sind fasziniert von den bewundernswerten Leistungen von Künstlicher Intelligenz, Institutionen jeglicher Art stellen sich auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz um. Zugleich häufen sich erschreckende Nachrichten – von den Konsequenzen für menschliche Kompetenz und Kreativität, von der Unterminierung von menschlichen Entscheidungsprozessen und Verantwortung, von neuartigen, durch KI ermöglichten Herrschaftsformen, vom unerhörten Ressourcenverbrauch der Technologie und von der allgemeinen Bedrohung durch quasi-autonome KI-Systeme. Die Geschwindigkeit der KI-Entwicklung, die ungeheure Präsenz von Geld und Macht sowie die Uneinsichtigkeit von Teilen der Politik führen bei vielen zu einem Gefühl von Ohnmacht und Resignation.
In dieser Lage sind alle Professionellen im Umfeld der Informationstechnik dringend aufgerufen, sich in der Diskussion um KI zu engagieren, die Technnologie für Außenstehende verständlich zu machen und Kriterien für ihren Einsatz zu entwickeln. Dabei muss klar sein: KI ist nicht gleich KI. Die Eigenschaften von herkömmlichen „kleinen“ KI-Systemen unterscheiden sich wesentlich von den aktuellen Large Language Models (LLMs), die hier im Fokus stehen.
Menschenzentrierte Künstliche Intelligenz (human centric AI) steht für die Hoffnung, die Belange der Menschheit in den Mittelpunkt zu stellen. Dem liegt ein Menschenbild zugrunde, bei dem der Mensch nicht isoliert betrachtet wird, sondern integriert in seiner Umwelt mit allen Lebewesen. KI-Systeme sollen dazu dienen, unsere Lebensgrundlagen zu erhalten und unsere Lebensmöglichkeiten zu entfalten. Das betrifft Technikentwicklung und -nutzung. Die Frage ist nicht nur: „Was kann KI?“, sondern vor allem: „Wozu wollen wir KI nutzen?“ und „Wo setzen wir für KI Grenzen?“.
Menschenzentrierte KI findet sich zur Zeit in Ansätzen in Philosophie, Sozialwissenschaften und Politik. Die Herausforderung ist, sie zu konkretisieren und als Grundlage für Technikentwicklung und -einsatz als menschenzentrierte Systementwicklung methodisch umzusetzen. Das erfordert eine Erneuerung und Weiterentwicklung der Ansätze zur menschenzentrierten Systementwicklung der 80er und 90er Jahre. Während damals der Fokus auf sinnvolle Einbettung von Softwaresystemen in Arbeits- und Kommunikationsprozesse lag, geht es heute um den Schutz von menschlichen Belangen insgesamt.
Dazu ist eine neue Wertediskussion notwendig, die geeignet ist, sich über Differenzen von Ethnien, Religionen, Ideologien und Weltanschauungen hinweg zu verständigen. Ausgangspunkte dafür sind Wertvorstellungen wie Nachhaltigkeit und Resilienz, die heute immer stärker auch für die Gestaltung und den Einsatz von IT-Systemen Bedeutung gewinnen.
Der Schlüsselbegriff, um die Überlebensbelange von Menschen im Zusammenhang mit Technikentwicklung und -Einsatz zu thematisieren, ist die Konvivialität.
Dieser Vortrag versteht sich als Einladung und Ermutigung, sich zu engagieren und je nach fachlichem Blickwinkel Beiträge zu leisten, die in der Gesamtheit zu einer stimmigen Vision für die Zukunft führen und sich als Grundlage für weitere Aktionen eignen.
Prof. Dr. Christiane Floyd ist eine österreichische Informatikerin und Mitgründerin des FIfF, die 1978 als erste Professorin für Informatik im deutschsprachigen Raum an die TU Berlin berufen wurde. Sie gilt als Pionierin für die Informatik, da sie die Softwareentwicklung für sozio-technische Fragestellungen öffnete, etwa im STEPS-Modell („Softwaretechnik für evolutionäre und partizipative Systemgestaltung“).
- https://de.wikipedia.org/wiki/Christiane_Floyd