FIfFKon42 - Keine Panik! Resilienz in der Polykrise

Schreiben jenseits von LLMs als Denktechnik in der Informatik
2026-10-31, 13:30–14:30 (Europe/Berlin), Delphi Saal

In diesem Workshop mit partizipativen Elementen geht es um Schreiben als Trotz und Schreiben als Widerstand – gerade in der Informatik. Die zentrale Frage, die wir bearbeiten und in die Diskussionen mitnehmen werden, ist dabei:
Wie kann das Schreiben als Denktechnik für die Informatik nutzbar gemacht werden?


In diesem Workshop mit partizipativen Elementen geht es um Schreiben als Trotz und Schreiben als Widerstand – gerade in der Informatik. Die zentrale Frage, die wir bearbeiten und in die Diskussionen mitnehmen werden, ist dabei: Wie kann das Schreiben als Denktechnik für die Informatik nutzbar gemacht werden?

Schreiben wird uns derzeit von Tech-Konzernen als eine lästige Routinetätigkeit verkauft, die uns durch LLMs abgenommen werden kann: Aus den meisten der in Arbeitskontexten üblichen E-Mail Clients ist die KI-Überarbeitung kaum herauszubekommen; an Lernende, Lesende und Studierende wird von überall „Formulierungshilfe“ angeboten.

Gleichzeitig ist es so, dass von Menschen geschriebener Text immer wertvoller für die Entwicklung von LLMs wird. Es kommen immer mehr Kooperationen zustande, sodass Tech-Unternehmen an menschlich geschriebenen Text gelangen, zum Beispiel an Reddit-Beiträge. Außerdem sind mehrere große Gerichtsverfahren anhängig, in denen Tech-Unternehmen vorgeworfen wird, auf der Suche nach potenziellen Trainingsdaten Urheberrecht zu verletzen.

Trainiert man ein Sprachmodell auf synthetischen – also KI-generierten – Texten, was ja die Lösung dieses Problems sein könnte, dann passiert ein sogenannter „model collapse“ – das Sprachmodell verliert an Qualität und die Outputs werden schnell schlecht und unbrauchbar.

Vielleicht ist dieses Scheitern an der Weiterverwertung von synthetischen Texten ein Hinweis auf das Scheitern von synthetischen Texten selbst; vielleicht ist da ein Hinweis auf den zentralen Widerspruch, der unter allem sitzt:

Es wird überall nach menschlichen Textdaten gesucht. Andererseits wollen Tech-Unternehmen uns mit ihrem aus unseren Worten produzierten Produkt sagen, dass wir selbst nichts mehr schreiben müssen. Dass das Sprachmodell für uns schreiben kann. Dass es keinen Grund für uns gibt, etwas zu schreiben, wenn uns ein Sprachmodell zur Verfügung steht. Dass auch hier Automatisierung uns die „Routinetätigkeit“ des Schreibens einfach abnehmen kann. (Der eine Fall, in dem kaum jemand etwas gegen Automatisierung sagt, ist die Automatisierung von „Routinetätigkeiten“.)
Das passt insgesamt nicht zusammen.

Vor diesem Hintergrund besteht dieser Workshop aus drei Teilen:

In Teil 1 gebe ich einen Input zu der Urheberrechts-Problematik und zu verschiedenen Rechtsstreitigkeiten sowie zu verschiedenen Kooperationen von Tech-Unternehmen. Außerdem besprechen wir aktuelle Arbeiten zu „model collapse“ durch das Training mit synthetischen Daten, um die Besonderheit von nicht-synthetischen Texten zu erarbeiten.

In Teil 2 werden wir aktiv: Zuerst tragen wir zusammen, in welchen – vielleicht auch überraschenden – Kontexten in der Informatik das Schreiben als Denktechnik nutzbar gemacht werden kann. Dann machen wir, angelehnt an die „écriture automatique“ und das Konzept des „Schreibdenkens“ (Scheuermann, 2016), praktische kleine Schreibübungen. Dabei geht es um Schreiben als Formulieren eigener Gedanken, als explizites Hervorbringen von implizit vorhandenen Ideen, Gedanken und Zusammenhängen.
Schließlich reflektieren wir über die Übungen.

In Teil 3 wird es ganz „luddite“: Wir besprechen eine Studie, die die Vorteile des Schreibens mit Stift und Papier gegenüber dem Schreiben mit Tastatur beleuchtet.

Am Ende tragen wir die Gedanken, Erkenntnisse und Ideen der Gruppe für die größere Diskussion zusammen.

Paola Lopez ist Mathematikerin und große Verfechterin des Schreibens: Sie schreibt wissenschaftliche Texte als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Informatik der Uni Bremen; sie schreibt essayistisch in ihrer „KI-Kolumne“ in der Zeitschrift „Merkur“; außerdem schreibt sie literarisch, zuletzt als Autorin des Romans „Die Summe unserer Teile“.